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Infomail Wissenschaft (Nr. 5, Mai 2020) – Schwerpunkt: Tourismus neu denken

 

INHALTSVERZEICHNIS

Foto: Harald A. Friedl
Foto: Harald A. Friedl


TOURISMUS IN DER KRISE!? TOURISMUS NEU DENKEN ODER RETOUR IN ALTE MUSTER?
Einschätzungen von Expertinnen und Experten aus der Tourismuswirtschaft, von NGOs, aus der Wissenschaft sowie aus dem Journalismus.
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COVID-19 UND DIE ZUKUNFT DES TOURISMUS: WARUM DIESE KRISE ANDERS IST UND WAS SICH VERÄNDERN DÜRFTE von ACTNetwork – Action for Climate & Tourism
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TOURISMUS – NACHHALTIG AUS SER KRISE?!!  Ein Diskurs zwischen Harald A. Friedl (FH JOANNEUM Bad Gleichenberg) und Cornelia Kühhas (respect_NFI)
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Tourismus in der Krise!? Tourismus neu denken oder retour in alte Muster?

Wir schreiben Woche 9 seit der Verordnung des Lock-Downs hier in Österreich. Vorsichtige Hoffnung macht sich breit, dass das Schlimmste überstanden ist, aber die weitere Entwicklung ist nicht absehbar. Dennoch beschäftigt uns die Frage, wie es mit dem Tourismus weitergehen kann und soll – und vor allem, in welche Richtung? Wird es „nach Corona“„more of the same“ geben oder gelingt die Wende zur Nachhaltigkeit?

 

Foto: Cornelia Kühhas
Foto: Cornelia Kühhas

 

Dazu haben wir Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Bereichen um ihre Einschätzung gebeten:
Aus der Tourismuswirtschaft: Petra Thomas (Geschäftsführerin des forum anders reisen), Christian Hlade (Inhaber von WeltWeitWandern) und Josef Peterleithner (Präsident des Österreichischen ReiseVerbandes ÖRV).

von NGOs: Antje Monshausen (Tourism Watch & Vorsitzende des Roundtable Human Rights in Tourism), Claudia Mitteneder (Geschäftsführerin Studienkreis für Tourismus und Entwicklung e.V.);

aus der Wissenschaft: Christian Baumgartner (Professor für Nachhaltigen Tourismus, CEO response&ability gmbh), Gerhard Frank (Frank Erlebnisdramaturgie), Peter Laimer (Stv. Leiter der Direktion Raumwirtschaft an der Bundesanstalt Statistik Österreich);

JournalistInnen: Roswitha Reisinger & Christian Brandstätter (Lebensart-Verlag; Herausgeber der Magazine Lebensart und Businessart) und Daniel Nutz (Chefredakteur der ÖGZ – Österreichische Gastronomie-Zeitung)

Wir haben diese Fragen gestellt:

Welche Szenarien für die Entwicklung des Tourismus nach der Krise sind plausibel?
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Dazu gibt es keine pauschale Antwort, wie Petra Thomas meint. „Das wird in erster Linie davon abhängen, wie stark ein Land betroffen war, welche Reisemöglichkeiten es überhaupt gibt und welche medizinischen Restriktionen letztendlich – auch für die Touristen – gelten.“ „Die schrecklichen Bilder aus Italien oder Spanien werden wohl noch eine Zeitlang in den Köpfen der Reisenden bleiben.“

Daniel Nutz sieht drei mögliche Szenarien: „Ein Szenario wäre: Nachholen mit Konsum. Also alles bleibt, wie es war. Zweites Szenario: Die Wirtschaftskrise ist so groß, dass es weniger Nachfrage gibt. Die Tourismusbranche wäre dann stark betroffen. Und drittens: Die Krise führt zu einem Umdenken. Das Virus wird in neuralgischen Bildern mit Massentourismus gleichgesetzt und mehr Menschen wenden sich davon ab. Das könnte den Trend zum individuellen (Natur-)Erleben verstärken.“ (siehe dazu auch ÖGZ-Artikel „Die Welt nach Corona. 3 mögliche Szenarien“).  Letzteres Szenario sehen auch Roswitha Reisinger und Christian Brandstätter als plausibel: „Der Massentourismus wird an Wert verlieren, weil die Menschen Angst vor der Masse haben. Wir glauben, dass der Individualtourismus zunehmen wird.“

Foto: Harald A. Friedl
Werden wir nach der Krise den Konsum nachholen? (Foto: Harald A. Friedl)

„Betreffend den Tourismus in Österreich basieren derzeit vorliegende Prognosen auf der Annahme, dass die Maßnahmen im Mai allmählich aufgehoben werden und sich die Lage im Sommer erholt bzw. stabilisiert“, so Peter Laimer. Und hier könnten sich sanfte, extensive Urlaubsregionen früher erholen, so die Prognose von Christian Baumgartner: „Wo vor 2020 einsame Wanderungen und Ruheorte hoch im Kurs standen, bleibt der Sommerurlaub aufrecht.“ Im weltweiten Tourismus sehe die Lage aber anders aus: „Für die Nachhaltigkeit im Ferntourismus lässt sich ein Rückschlag schon jetzt erahnen.“ Baumgartner fragt sich: „Werden die zukünftigen, virus-sensiblen Fernreisenden nun eher die hygienisch-sterilisierten All-In-Resorts mit Babyelefanten-Abstand zum nachbarlichen Liegetuch am Strand bevorzugen?“ Denn nachhaltige Angebote sind begegnungsintensiv. „Und das ist in Corona-Zeiten kein guter Rat!“, warnt Antje Monshausen. „Man wird sich die Frage stellen müssen, ob es das Reisen wert ist, wenn man Menschen nur auf Distanz begegnen kann und weitgehend in den Hotelanlagen bleibt. Und man könnte als TouristIn, wenn man symptomfrei infiziert ist, vor Ort die Krise noch verschärfen, gerade in Ländern mit einem fragilen Gesundheitssystem.“ Monshausen glaubt, dass im Ferntourismus deshalb noch länger „dream today, travel tomorrow“ gelten werde. Ihr Rat: „Viele Reiseveranstalter bieten gegenwärtig Gutscheine an, wenn eine Reise storniert werden muss. Diese Gutscheine geben den Reiseveranstaltern etwas Luft in einer Zeit, in der ihr Geschäft weitgehend am Boden liegt. Wem es finanziell möglich ist, sollte deshalb diese Reisegutscheine akzeptieren und damit ein klares Zeichen setzen, dass aufgeschoben nicht aufgehoben ist und im Idealfall die geplante Reise dann verlängern, um mehr wirtschaftliche Impulse vor Ort zu schaffen.

 

Kann die Krise einen Systemwandel in Richtung einer nachhaltigen Tourismusentwicklung bewirken?
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Die Krise ist eine enorme Chance für den nachhaltigen Tourismus, sind Roswitha Reisinger und Christian Brandstätter überzeugt: „Weil vermeintliche Selbstverständlichkeiten wie die Nähe zu geliebten Menschen, gesunde Umgebung, ärztliche Versorgung, respektvoller Umgang mit der Natur, der Natur ihren Raum lassen plötzlich an Wert gewinnen.“ Wichtig dabei sei Information und effektive Kommunikation, um das dafür nötige Bewusstsein bei den Menschen zu schaffen. „Wir müssen uns fragen: Wie holen wir die Fun-Partie ab? Die Mittelmeerkreuzfahrer? Die Shopper in New York? Welche Grundbedürfnisse haben sie? Wie können wir sie mit nachhaltigen Angeboten abholen? WENN wir die Zusammenhänge aufzeigen und die richtigen Angebote entwickeln, sehe ich die Chancen für einen Systemwandel bei 70 Prozent“, so Roswitha Reisinger.

Foto: Harald A. Friedl
Statt zurück, nach vorne blicken – ist Veränderung so einfach? (Foto: Harald A. Friedl)

Covid-19 habe einen Wandel vorstellbar gemacht, meint auch Gerhard Frank: „Zumindest in Ländern mit einem koordinativen Willen wie Österreich. Es hat bewiesen, dass eine Choreografie konzertierten Wandels, an der sich alle beteiligen, Institutionen und Zivilgesellschaft, grundsätzlich möglich ist. Es hat den emotionalen Boden dafür aufbereitet: erlebtes Gelingen, täglich in den Medien sichtbar gemacht am Abflachen der Ansteckungskurve.“

Die Corona-Pandemie zeigt aber auch deutlich auf, dass Benachteiligung und Armut zu einer stärken Betroffenheit der Menschen führen, wie Claudia Mitteneder meint: „Hier könnte sozialverantwortlich gedachter Tourismus ein Hebel sein, diese globalen Ungerechtigkeiten zu mindern. Und ich denke schon, dass die Lehren aus der Krise für eine Ausweitung der sozialverantwortlichen und damit nachhaltigen Angebote führen können.“ In diese Kerbe schlägt auch Christian Hlade: „Ich hoffe, die jetzige Krise bringt auch ein Mehr an Achtsamkeit und ein bewussteres Reisen nach Corona mit sich. Denn was dem Klima gar nicht gut tut, sind viele zu kurze und zu häufige Reisen.“

Peter Laimer erinnert daran, dass die Virus-Pandemie durch große Menschenansammlungen erheblich verstärkt wurde. „Daher ist das durch die Krise ausgelöste Potenzial für einen Systemwandel zu nachhaltigeren Formen des Reisens grundsätzlich nicht unerheblich, wenngleich – wie andere Krisen in der Vergangenheit zeigten – auch mittelfristig von einer ‚Normalisierung des Reiseverhaltens’ auszugehen sein wird. Ein ‚Re-Start’ des Tourismus in Österreich und weltweit könnte dazu dienen, nachhaltiges und klimafreundliches Reisen zu etablieren und salonfähig zu machen.“ Skeptischer ist Daniel Nutz: „Ich glaube, dass eine Veränderung des Mindsets der Kunden – also der Wille, nachhaltiger zu reisen – durch die derzeitige Krise letztlich weltweit nicht signifikant verstärkt wird.“

Petra Thomas gibt zu bedenken, dass die zukünftige Entwicklung des Tourismusmarktes nicht unwesentlich davon abhängen wird, welche Unternehmen die Krise überstehen werden und wer dann welche touristischen Angebote offeriert. Es werden eher die großen als die kleinen Unternehmen profitieren, ungeachtet der Nachhaltigkeit des Geschäftsmodels, so die Befürchtungen von Antje Monshausen. Und: „Auf Destinationsebene, in den Urlaubsgebieten, befürchte ich – global gesehen – eher einen ruinösen Wettbewerb mit niedrigen Preisen, als einen Wandel zu mehr Nachhaltigkeit.“

Wird die Krise das Reiseverhalten der Menschen beeinflussen?
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Foto: Harald A. Friedl
Weiterhin ein attraktives Reiseziel? (Foto: Harald A. Friedl)

Generell wird sich die Reiselust in nächster Zeit in Grenzen halten, da sind sich die befragten ExpertInnen einig. Die Angst vor einer Ansteckung geht um. Und auch die derzeitige schwierige wirtschaftliche Lage wird sich kurz- und mittelfristig sicherlich auf das Reiseverhalten auswirken, meint Claudia Mitteneder: „Vielleicht unternehmen die Menschen eher Kurzreisen, vielleicht reisen sie auch in eher untypischen Jahreszeiten. Ganz sicher wird die Nachfrage nach inländischen Reisezielen stark ansteigen.“

Jedenfalls sind die KundInnen momentan sehr verunsichert. „Doch aus der Vergangenheit wissen wir, dass der Reisegast normalerweise ein sehr kurzes ‚touristisches Gedächtnis’ hat“, so Petra Thomas. „Katastrophen und auch regional begrenztere Virusausbrüche, wie etwa SARS, wurden schnell vergessen. Diese Pandemie ist allerdings eine ganz neue Erfahrung, nicht zuletzt, weil das Virus quasi bis vor die eigene Haustüre gekommen ist. „Was sich sicherlich verändern wird – zumindest kurzfristig – ist, dass das Reisen als Luxusgut wieder höhere Wertschätzung erfährt, wir uns somit auch wertschätzender gegenüber den Menschen in den Destinationen und der Natur verhalten und mehr auf die Qualität eines touristischen Angebotes achten.“ In dieselbe Kerbe schlägt auch Christian Hlade: „Ich bin mir sicher, die erzwungene ‚Pause’ bringt mehr Bewusstsein für den Wert des Reisens. Reisen wird auch teurer und daher ‚kostbarer’ werden. Das alles sind gute Rahmenbedingungen für nachhaltigere, qualitätsvollere Reisen.“ Wenn sich die Rahmenbedingungen aber nicht ändern, wird sich im Vergleich zur Kundennachfragevor der Krise nichts Großes ändern, meint Daniel Nutz: „Ich gehe davon aus, dass Reiseziele von einer Mehrheit weiter nach einem Preis-Leistungsschema gewählt werden. Bei Individualreisen erwarte ich aber eine Verstärkung des Trends zu Slow-Tourism bzw. nachhaltigem Tourismus.“

„Wir werden wieder reisen, aber die Welt mit anderen Augen sehen“, ist Josef Peterleithner überzeugt. Und wir werden in Zukunft nachhaltiger reisen: „Qualität, Regionalität und auch Individualität werden an Bedeutung gewinnen, so wie auch die Pauschalreise und die Buchung im Reisebüro und beim Reiseveranstalter – allein aus Gründen der Sicherheit.“ Er betont, dass es auch bislang schon viele Angebote gab, die nachhaltig ausgerichtet waren: „Nur hat es der Kunde bisher so nicht wahrgenommen bzw. es nicht geschätzt. Das wird sich hinkünftig ändern.“

Mit Blick auf Österreich prognostiziert Peter Laimer: „Vor dem Hintergrund der Corona-Krise ist eine Wieder- bzw. Neuentdeckung der näheren Umgebung bzw. Österreichs zu erwarten, da viele traditionelle Reiseziele der ÖsterreicherInnen im Ausland nicht bereisbar sind. Das ist jedenfalls für die österreichische Tourismusindustrie die Gelegenheit, noch mehr auf inländische Gäste zu setzen und zu bewerben bzw. die USPs Österreichs (z.B. hohe Qualität der Betriebe, Sicherheit, weitgehend intakte Natur etc.) hervorzustreichen.“

Venedig, Barcelona, Salzburg usw. sind aktuell menschenleer ... Was macht die Krise mit den touristischen Hotspots?
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„Gerade in den touristischen Hotspots stehen viele Einheimische, die im Tourismus arbeiten, gerade mit dem Rücken zur Wand“, sagt Antje Monshausen. „Aussagen wie ‚die Leute fliegen jetzt nicht mehr, das ist doch super fürs Klima, jetzt können sich endlich die Overtourism-Hotspots erholen’ finde ich zynisch und auch ein Stück weit unrealistisch. Meine Sorge ist eher, dass wir in zwei, drei Jahren wieder da weitermachen, wo wir aufgehört haben.“ Ein Szenario für die Hotspots sieht Monshausen darin, dass die Destinationen rückblickend auf die Krise analysieren, was sich durch den ausbleibenden Tourismus verschlimmert habe und in welchen Bereichen auch Entspannungen aufgetreten seien, um auf dieser Basis zukunftsfähige Strategien zu entwickeln und auch konsequent umzusetzen."

Foto: Harald A. Friedl
Viele TouristInnen in beengender Umgebung einer Attraktion (Foto: Harald A. Friedl)

Ähnlich argumentiert Claudia Mitteneder: „Für die touristischen Hotspots bietet die Krise sicherlich die Chance, ihre bisherige Tourismuspolitik zu überdenken und neue Konzepte zu entwickeln. Kaum jemand hätte sich vor einigen Monaten vorstellen können, dass der Tourismus in diesen Regionen völlig zum Erliegen kommt. Jetzt könnten effektive Strategien zur Lenkung und Reduzierung der Besucherströme ausgearbeitet und dann sukzessiv umgesetzt werden. Ein Zurück in alte Handlungsmuster wäre meines Erachtens mehr als fahrlässig.“ Wenn Reisende Menschenansammlungen meiden, dann könnte der ländliche Tourismus boomen. Doch Antje Monshausen warnt: „Hier sehe ich die Gefahr, dass der Tourismus schnell an seine räumlichen und ökologischen Tragfähigkeitsgrenzen stoßen wird.“

Welche Strategien braucht es, um die Weichen in Richtung eines nachhaltigen Tourismus im Sinne der Agenda 2030 zu stellen?
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„Ob Klimakrise oder Corona-Krise: Es geht um ein neues ‚Weltbewusstsein’, wonach wir alle voneinander abhängen und aufeinander achten müssen – aber auch gemeinsam auf unseren Planeten!“, so Christian Hlade. Es gehe darum, weniger oft, dafür aber länger zu verreisen. Hlade nennt ein Beispiel: „Auf Madeira liegt die durchschnittliche Aufenthaltsdauer bei vier bis fünf Tagen. Wenn im Schnitt jede/r TouristIn 15 Tage bleibt und nur 1/3 der Gäste kommen, entspräche das einer Einsparung von 2/3 der CO2-Emissionen für die Flug-Anreisen – bei gleicher Auslastung der örtlichen touristischen Infrastruktur!“

Claudia Mitteneder sieht die Verantwortlichen entlang der gesamten touristischen Wertschöpfungskette in der Pflicht: „Sie müssen ihre Strategien in punkto sozialverantwortliches und nachhaltiges Reisen auf einen Prüfstein stellen. Diese zukunftsfähige Art des Tourismus, der auch dauerhaft wirtschaftlich tragfähig ist, muss be- und gefördert werden. Reiseanbieter wie Reisende müssen weiter für respektvolle und verantwortungsbewusste Formen des Reisens sensibilisiert werden. Das schließt u.a. faire Arbeits- und Lebensbedingung für die Menschen ein, die mit und für den Tourismus leben und arbeiten. Die Tourismusindustrie schafft hunderttausende Arbeitsplätze, bringt Menschen verschiedener Kulturen und Religionen zusammen – so gesehen rückt das Thema Menschenrechte ganz folgerichtig ganz nach oben auf der Agenda … übrigens nicht nur in Zeiten, in den die Geschäfte gut laufen. Menschenrechte sind universell, unveräußerlich und unteilbar.“

Es gilt, die entsprechenden politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen für eine nachhaltige Tourismusentwicklung zu schaffen, hier sind sich die befragten ExpertInnen einig. „Wenn klimaschädliche Aktivitäten nicht gestützt werden – hier ist für mich die derzeitige Debatte zu Hilfen für die Luftfahrt bezeichnend – und klimafreundliche gefördert, machen wir einen großen Schritt im Strukturwandel des Tourismus“, ist Daniel Nutz überzeugt.
Hier sind die Regierungen gefordert, wie Antje Monshausen betont: „Im Kontext von Konjunkturprogrammen sind sie diejenigen, die auch Pflichtenhefte für die Unternehmen formulieren können, wenn diese Steuermittel in Anspruch nehmen.“ Also öffentliche Gelder an nachhaltige Kriterien binden – das sehen die ExpertInnen als einen wichtigen Hebel an. Dazu Christian Baumgartner: „Gelder sollten nur mehr dorthin vergeben werden, wo auch entsprechende Krisenplanungen vorhanden sind und Kriterien einer Nachhaltigen Entwicklung und insbesondere des Klimaschutzes erfüllt werden. Seriöse NGOs bemühen sich seit langem für den plötzlichen Ausfall aller Einkünfte zumindest Reserven in der Höhe aller Personal- und Betriebskosten für ein halbes Jahr zu haben. Wir haben in den letzten Wochen gesehen, dass dies in der Wirtschaft gar nicht üblich ist.“

Foto: Harald A. Friedl
Sich Zeit nehmen, in Kulturen eintauchen, länger bleiben. (Foto: Harald A. Friedl)

Petra Thomas sieht auch die Tourismuswirtschaft selbst stark in der Verantwortung: „Aktuell sehen wir deutlich, dass unser Geschäftsmodell im Tourismus in Krisenzeiten stark existenzgefährdend ist. Wir müssen daher am Geschäftsmodell etwas ändern! Die zentrale Frage muss sein: Wie viel Geld bleibt in der Destination, wie viel Geld bleibt aber auch beim Veranstalter, damit auch er sicher durch eine Krise kommt. Eine Stellschraube, an der man in Richtung mehr Nachhaltigkeit drehen sollte, wäre also das Preisgefüge im Tourismus.“ Es braucht also neue Perspektiven für den Tourismus, davon ist auch Christian Baumgartner überzeugt, und davon „dass dieser dramatische Einschnitt nun auch als Chance für Umsteuerungen genutzt werden kann und sollte. Wir haben jetzt die Chance, mehr Nachhaltigkeit in alle Unterstützungen zu integrieren, neue Szenarien und Businessmodelle zu entwickeln. Zum Beispiel in den alpinen Tourismus Hot-Spots Hotelzimmer in Wohnraum umzuwandeln und damit der örtlichen Jugend die Chance aufs Dableiben zu erleichtern. Gemeinsam mit der Digitalisierung und dem Schaffen lokaler Jobs könnte ländlichen Regionen damit tatsächlich neue Perspektiven verschafft werden.“ „Ja, es braucht eine klare Zukunftsperspektive“, stimmt Daniel Nutz zu. „Wie etwa der Plan-T für Österreich, der allerdings zu schwammig und unkonkret ist. Wichtig dabei ist, ein Wir-Gefühl zu schaffen und die Perspektive, dass eine Nachhaltigkeitsstrategie auch zukunftsweisend und ökonomisch sinnvoll ist.“

Was bedeutet die Krise für die Reisedestinationen in den Ländern im Globalen Süden? Welche Verantwortung tragen Tourismuswirtschaft und Reisende?
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„Sowohl die gesundheitlichen als auch die wirtschaftlichen Auswirkungen sind im Globalen Süden wie unter einem Brennglas verstärkt“, sagt Antje Monshausen. Es fehlen die nötigen finanziellen Kapazitäten, um die Wirtschafts- und Gesundheitssysteme zu sichern. „Dazu kommt, dass 50 % der Menschen, die im Tourismus arbeiten, im informellen Sektor arbeiten, also ohne jegliche finanzielle und soziale Absicherung, zum Teil unter prekärsten Bedingungen – und diese Menschen trifft die Krise mit voller Härte.“ Wie die Länder damit umgehen, sei aber unterschiedlich, betont Petra Thomas. „Es gibt viele Länder, die immer wieder mit Krisen zu kämpfen haben und dabei eigene Strategien entwickelten, um damit umzugehen. Ein Beispiel ist Südindien, das jährlich von einer großen Flut betroffen ist, wo die Menschen gelernt haben, sich immer wieder neu zu organisieren. Diesen Umgang mit Krisen müssen wir hier in Deutschland und ganz Europa erst lernen – Corona ist tatsächlich die erste große Krise seit Langem, die wir erleben müssen.“

Resilienz ist hier das Schlüsselwort. Petra Thomas: „Ich finde, dass der Resilienzgedanke im Tourismus viel stärker präsent und verankert sein muss.“ Und dem pflichten alle ExpertInnen bei. „Wie die Krise zeigt, ist es wichtig, dass der Tourismus eine  – aber nicht die einzige – zusätzliche Einkommensquelle wird“, so Claudia Mitteneder. Und dies gilt nicht nur für die Länder im Globalen Süden: „Wir vom Studienkreis schauen bei der Frage eines sozialverantwortlichen Tourismus nicht nur auf Destinationen jenseits unserer europäischen Grenzen. Auch der Inlandstourismus weist in dieser Hinsicht einige Mängel auf: Stichwort Mindestlohn oder Arbeitnehmervertretungen.“

Foto: Harald A. Friedl
Frauen in Uganda verkaufen Bananen an TouristInnen (Foto: Harald A. Friedl)

Das Thema Resilienz im Tourismus war bisher eher Teil der Diskussionen zur Klimaadaption, konstatiert Christian Baumgartner, und er meint: „Wirtschaftliche Resilienz gegen völlig unerwartete Ereignisse wird zukünftig noch viel wichtiger werden, vor allem da wir mit ziemlicher Sicherheit aus den Erfahrungen des letzten Jahrzehntes sagen können, dass dies nicht der letzte Virus gewesen sein wird.“ Hiermit wird man sich intensiver auseinandersetzen müssen, meint Antje Monshausen, die auch den „Roundtable Human Rights in Tourism“ gefordert sieht: „Im ‚Roundtable Human Rights in Tourism‘ als Multistakeholder-Institution, die den Menschenrechtsansatz im Tourismus verwirklichen möchte, werden wir das Thema Resilienz und Neustart des Tourismus auch stärker im Kontext von menschenrechtlichen Sorgfaltsstrategien diskutieren können.“ Sie weist zudem auf die Rolle der NGOs hin: „Sie sind diejenigen, die vor Ort auf Missstände hinweisen und durch ihre politische Arbeit versuchen können, Einfluss auf die Regierungen und Unternehmen nehmen können. Leider ist bereits seit fünf bis zehn Jahren zu beobachten, dass der Handlungsspielraum von zivilgesellschaftlichen Organisationen in vielen Regionen der Welt schrumpft, unter der aktuellen Corona-Krise wird sich das nochmal verschlechtern!“

Eine große Frage wird auch sein, wie sich die Regierungen in den Entwicklungsländern verhalten. Antje Monshausen: „Mich hat geschockt, dass z.B. Sri Lanka bis Anfang März noch international offensiv Werbung damit gemacht hat, dass das Land coronafrei sei und ein gutes Gesundheitssystem für UrlauberInnen hätte. Bis Anfang März wurden also noch TouristInnen ins Land geholt und damit auch Corona. Insofern macht mir Sorgen, dass in einigen Entwicklungsländern die Regierungen noch viel stärker als bei uns versucht sein werden, alles zu tun, damit der internationale Tourismus möglichst schnell wieder stattfindet – und dabei  hohe Risiken in Kauf nehmen.“

Ein Blick auf Österreich ... Schätzungen des WIFO zufolge dürfte sich der Inlandstourismus im Gegensatz zum Auslandstourismus rascher erholen. Könnte dies das Reiseverhalten der ÖsterreicherInnen langfristig zu einem nachhaltigeren machen?
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Foto: Harald A. Friedl
Ob die Schönheiten ausreichen, überzeugte Nestflüchter zum Bleiben zu bewegen? (Foto: Harald A. Friedl)

„Inländische Gäste waren - wenn man sich Nächtigungsdaten seit den 1970er-Jahren ansieht (1950: 11 Mio., 2019: 40 Mio. Nächtigungen) - immer vergleichsweise krisenresilient“, sagt Peter Laimer. „Dass sich der Binnentourismus – d.h. Urlaub der ÖsterreicherInnen im eigenen Land - in nächster Zeit im Gegensatz zum internationalen Tourismus (einreisend wie ausreisend) wieder rascher erholen wird, ist durchaus nachvollziehbar; das liegt zum einen an den Grenzschließungen wichtiger Reiseländer der österreichischen Bevölkerung und zum anderen an der Angst, sich ggf. im Ausland mit Corona anzustecken.“ Zu berücksichtigen sei aber, dass Österreichs Tourismus maßgeblich von ausländischen Gästen getragen wird, die von inländischen Gästen nur in begrenztem Maße ersetzt werden können.

Das unterstreicht auch Josef Peterleithner: „Die österreichischen Reisebüros und Reiseveranstalter haben rund 4,7 Milliarden Euro umgesetzt, davon fiel eine Milliarde allein auf den Incoming-Tourismus – nicht nur durch ausländische Gäste, sondern auch durch Österreicherinnen und Österreicher, die ihren Heimaturlaub über heimische Reisebüros und Reiseveranstalter gebucht haben. Auch wenn dies im heurigen Sommer deutlich zunehmen wird, ist dies zwar sehr erfreulich, kann aber den Umsatz im Outgoing-Tourismus nicht einmal ansatzweise wettmachen.“

Die aktuelle Situation könnte neue Zielgruppen dazu bringen, einen Heimaturlaub „auszuprobieren“, meint Daniel Nutz. „Ob der Konsument dabei bleibt, hängt davon ab, wo er mehr persönlichen Nutzen sieht. Rein ökonomisch wird kein Inlands-Angebot mit einem All-Inclusive Türkei-Urlaub mithalten können, weshalb ich bezweifle, dass etwa diese Kundengruppe das Reiseverhalten mittelfristig grundlegend ändert.“

Über die Corona-Krise als ExpertIn sachlich-distanziert zu diskutieren, ist eine Sache. Doch auch ExpertInnen sind persönlich von der Krise betroffen, ob professionell oder höchstpersönlich. Wie reagieren unsere InterviewpartnerInnen auf dieses Jahrhundert-Ereignis?
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Die Krise betrifft uns alle. Für die Reiseveranstalter geht es ums wirtschaftliche Überleben. Dennoch blicken die Reiseveranstalter, die schon seit Jahren ihr Reiseangebot nachhaltig ausrichten, über den Tellerrand hinaus.

Für das „forum anders reisen“ und seine Mitglieder war und ist Solidarität sehr wichtig – auch aktuell. So sollen die Kundengelder für Reisen, die abgesagt wurden, in den Destinationen bleiben – „für einen zukünftigen Tourismus“, so Petra Thomas. „Ganz wesentlich erscheint mir als Veranstalter aber auch, den Reisegast gleichsam an der Hand zu nehmen, ihm authentische Informationen über das Reiseland mit auf den Weg zu geben – so wie das unsere Veranstalter im forum schon seit Langem tun – ergänzt mit Werten, die während der Krise an Bedeutung gewonnen haben – nämlich Solidarität, Fairness, aber auch Selbstverantwortung. Somit bekommen KundInnen nachhaltiger Reiseveranstalter ein gutes „Rüstzeug“ mit ...“

WeltWeitWandern-Gründer Christian Hlade sieht die Dinge so: „Es kommen nun zwei extrem herausfordernde Jahre für uns als Unternehmen und die gesamte Reisebranche zu. In dieser Zeit schauen wir, dass wir für unsere MitarbeiterInnen hier in Österreich und auch für unsere PartnerInnen in den Reiseländern möglichst gute, auch kreative ‚Überlebenslösungen’ finden. Das wird herausfordernd, aber wir werden das schaffen! Unsere Partner brauchen uns jetzt verstärkt. Deshalb haben wir einen Hilfsfond ins Leben gerufen. Daneben ist auch Wissenstransfer sehr wichtig. Da wird es einige Angebote geben, von denen beide Seiten profitieren. Wenn wir jetzt unser Profil im Bereich Nachhaltigkeit weiter schärfen und unsere entsprechenden Maßnahmen verbessern, dann sehe ich eine sehr gute Zukunft für Weltweitwandern und alle nachhaltigen Reiseveranstalter.“

Jede Krise, auch die aktuelle, sei auch eine Chance, um daraus zu lernen, gibt sich Josef Peterleithner hoffnungsvoll. „Allerdings werden Reisebüros und Reiseveranstalter allein aufgrund der komplexen Systeme als letzte in die Normalität zurückkehren.“ Aktuell sei es für Reiseveranstalter – neben der finanziell angespannten Situation – auch herausfordernd, Angebote und Produkte für jene Destinationen und Länder zu schnüren, in denen Urlaub bereits möglich ist oder bald möglich sein könnte. Peterleithner: „Viele Reiseveranstalter haben ihre Produkte ausgebaut oder kurzfristig buchbar gemacht. Sie zeigen, dass sie mit Krisen umgehen und sich auf neue Situationen rasch einstellen können. Die Reisebranche steht bereit.“ Dafür wünscht er sich von der Regierung Planungssicherheit und finanzielle Unterstützung.

Foto: Harald A. Friedl
Mit der Krise erfährt auch die Digitalisierung einen Schub (Foto: Harald A. Friedl)

Der „Studienkreis für Tourismus und Entwicklung“ verleiht in enger Abstimmung mit dem „Roundtable Human Rights in Tourism“ jedes Jahr den „TO DO Award Human Rights in Tourism“ und zeichnet Initiativen, Projekte und Personen aus, die sich in herausragender Weise für menschenrechtliche Prinzipien in der touristischen Wertschöpfungskette einsetzen. „Diese Leuchttürme des sozialverantwortlichen Tourismus wollen wir noch stärker wahrnehmbar – und mit Hilfe unserer touristischen Partner auch buchbar machen“, so Claudia Mitteneder.

Das Thema Resilienz wird im „Roundtable Human Rights in Tourism“ noch stärker Thema sein und auch die NGO Tourism Watch wird die Resilienz von Akteuren und Unternehmen evaluieren und der Frage nachgehen, welchen Beitrag auch touristische Organisationen und die Reisenden selbst dazu leisten können, wie Antje Monshausen betont.

Die JournalistInnen Roswitha Reisinger und Christian Brandstätter betonen, dass Information aktuell mehr gefragt ist denn je. Insofern unterstützen sie ihre LeserInnen mit vielen konkreten Tipps und versuchen eine gute Mischung aus Information und Aufmunterung zu bringen. „Wir beschäftigen uns auch intensiv mit der Frage, wie der Neustart unserer Wirtschaft auf nachhaltiger Basis gelingen kann. Und was wir aus der Krise lernen können, um sie als Chance zu nützen.“ Wirtschaftlich stehen auch ihre Medienprodukte „LebensArt“ und „BusinessArt“ vor großen Herausforderungen: „Als privat geführter Verlag finanzieren wir uns ausschließlich über Werbeeinschaltungen und Abonnements. Üblicherweise sparen Unternehmen bei Krisen als erstes bei der Werbung. Schön wäre, wenn die Regierung ihre Werbung auch bei uns schalten würde ...“  

Als ganzheitlich denkender (Tourismus)Statistiker sieht Peter Laimer seine Aufgabe auch darin, noch verstärkt auf neue Methoden betreffend die Messung der Nachhaltigkeit des Tourismus hinzuweisen. „Mit den derzeit zur Verfügung stehenden Mitteln und Daten kann diesem Ziel noch nicht in befriedigender Weise und vor allem in der notwendigen bzw. erforderlichen Aktualität nachgekommen werden.“

„Die Krise wird auch die Entwicklungen in der Branche des Tourismus-Consultings beschleunigen“, prognostiziert Daniel Nutz. Die Digitalisierung werde einen Entwicklungsschub erfahren, aber auch der Trend der Nachfrage nach nachhaltigen Angeboten könnte verstärkt werden. „Insofern gibt es viele Tätigkeitsfelder für BeraterInnen.“

Zum Vertiefen:

Analyse "Tourismus nach 2020 – (W)ende?" von Christian Baumgartner

Analyse "Tourismusentwicklung nach der Krise" von Peter Laimer

 


 

COVID-19 und die Zukunft des Tourismus: Warum diese Krise anders ist und was sich verändern dürfte

ACTNetwork – Action for Climate & Tourism
Foto: Lisa Schopper
Foto: Lisa Schopper

Die Covid-19-Krise

Der Tourismus war in der Vergangenheit immer wieder mit Krisen konfrontiert. Wie schwer die Auswirkungen waren, war bei den verschiedenen Arten von Krisen und auch den betrachteten Teilbereichen des Tourismussystems unterschiedlich. Die Pandemien in den letzten zwanzig Jahren (Vogelgrippe, SARS, Ebola …) führten bei einer Reihe von Indikatoren – wie z.B. Hotelbelegungsraten, Fluggastzahlen und verringerten Investitionen in die Tourismusinfrastruktur – zu einem starken Rückgang des regionalen Tourismus und Reiseverkehrs, aber auch zu einer relativ raschen Erholung im Vergleich zu anderen Krisen. Die Belegungsraten von Unterkünften haben sich innerhalb von ein bis fünf Jahren erholt (siehe auch Borko, 2018), während der Flugverkehr tendenziell bis zu zehn Jahre für eine vollständige Erholung benötigt (siehe WEF, 2015). 

Bloß zu behaupten, Covid-19 sei anders, wäre eine gewaltige Untertreibung. Die Covid-19-Pandemie hat inzwischen die meisten Länder der Erde erreicht und weltweit beispiellose Reisebeschränkungen und wirtschaftliche Schäden verursacht. Mehr als 90 % der Weltbevölkerung unterlag Anfang April vollständigen oder teilweisen Reisebeschränkungen, und während der weltweite Rückgang des Flugverkehrs in vergangenen Krisen 10 % erreichte, sehen wir uns derzeit mit einem globalen Rückgang von 75 % konfrontiert. Dieser massive Rückgang des internationalen Reiseverkehrs wird voraussichtlich drei Monate andauern, bevor ein verändertes Luftverkehrssystem mit neuen Regeln für die Einhaltung der physischen Distanzierung und die Gesundheitsüberwachung sowie mit reduzierten Routen und höheren Kosten wieder in Erscheinung tritt.

Aufgrund ihrer weit verbreiteten und erheblichen Auswirkungen wird die Covid-19-Pandemie Angebot und Nachfrage im Tourismus auf vielfältige Weise beeinflussen. Konventionelle ökonometrische Methoden und Modelle, welche die Veränderungen des Einkommens, der Preissensibilität und der Nachfrage zu simulieren versuchen, können die Effekte dieser Krise nicht zur Gänze erfassen. Seit dem Aufkommen des globalen Massentourismus nach dem 2. Weltkrieg gibt es keine Analogie zu den kumulativen Auswirkungen von Notfallschließungen, verbunden mit einer großen Zahl von Unternehmenspleiten, einer wirtschaftlichen Rezession (die in vielen Ländern zu einer Rekordarbeitslosigkeit führte), längeren Reisebeschränkungen, verringerten Kapazitäten im Gastgewerbe (physische Entfernung, die die Betriebskapazität auf 25 bis 50% reduziert) und psychologischen Auswirkungen, die sich in Reiseangst manifestieren, insbesondere bei Risikogruppen, wie z.B. der älteren Bevölkerung. Zusätzliche Reputationsrisiken dürften einige Märkte, z.B. Kreuzfahrten, überdurchschnittlich stark beeinträchtigen.

Die Covid-19-Pandemie ist weitaus komplexer als alle bisherigen Krisen. Es ist unmöglich, den Verlauf der wirtschaftlichen Erholung im Allgemeinen und die Nachfrage nach Tourismus im Besonderen vorherzusagen, zumal es nach wie vor große Unterschiede in den Test- und Behandlungskapazitäten der Länder sowie Unsicherheiten im zeitlichen Ablauf der Entwicklung und der Verteilung von Impfstoffen gibt. Der vorliegende Reflexionsartikel liefert einige erste Überlegungen dazu, wie sich das globale Reise- und Tourismuswesen verändern könnte, einschließlich möglicher struktureller Veränderungen, Nachfrageverschiebungen und einer daraus resultierenden veränderten Geographie der Tourismusströme.

Dass das globale Reise- und Tourismussystem durch Covid-19 verändert wird, steht außer Zweifel. Die Ungewissheit besteht allerdings darin, wie es sich verändern wird. Um gestärkt aus dieser beispiellosen Krise hervorzugehen, gilt es grundlegend darüber nachzudenken, welche Elemente des Tourismus-Systems erhaltenswert sind. Es erscheint naheliegend, dass alle Teilbereiche des Tourismus zu einem neuen, widerstandsfähigeren Tourismussystem beitragen müssen, und dass unter Berücksichtigung nachhaltiger Entwicklungsziele (SDGs) staatliche Investitionen und Konjunkturpakete einen solchen erhofften Wandel in hohem Maße beeinflussen werden. Um zu einem nachhaltigeren Tourismus in der Zukunft beitragen zu können, sollten unterschiedliche Pfade der Erholung und Weiterentwicklung beschritten werden. Wir, die Gemeinschaft der Tourismustätigen, ob als Forschende oder als Servicedienstleistende, dürfen in diesem kritischen Moment nicht abseitsstehen, sondern müssen unsere Leidenschaft für den Zweck einsetzen.

Foto: ACTNetwork
Haben Sie es bemerkt? Die Kondensstreifen am Himmel sind so gut wie verschwunden. (Foto: ACTNetwork)

 

Wie sich die Touristenströme verändern könnten
Trotz der Ungewissheit lassen sich – zumindest auf der Grundlage der aktuellen Informationen und frühzeitiger Reaktionen – einige Veränderungen mit großer Wahrscheinlichkeit vorhersagen. Bis ein Impfstoff für Covid-19 gefunden und in größerem Umfang umgesetzt sein wird, erscheint es naheliegend, dass Reisebeschränkungen bestehen bleiben, wenn auch einige Länder Reiseverkehr früher zulassen könnten. Doch bleibt die einseitige Öffnung von Reisezielen (Beispiel: Sizilien bietet potenziellen Besuchern an, die Hälfte des Flugpreises zu zahlen, Insider, 2020) wirkungslos, wenn die Herkunftsländer noch nicht zu einer Öffnung bereit sind. Es wird darum einige Zeit dauern, bis sich die Nachfrage nach Urlaubsreisen zu den Urlaubsdestinationen „durchsetzt“, insbesondere, wenn diese weiter von den Quellmärkten entfernt sind. Reisen in die nähere Umgebung und Inlandsreisen werden wahrscheinlich zunächst die Nachfrageseite des Tourismus dominieren.

Es ist wichtig, die Rolle der Entfernung in den globalen Tourismusströmen zu verstehen. Vor der Covid-19-Krise bezog sich ein wesentlicher Teil der internationalen Ankünfte auf Langstreckenreisen. Das Modell eines stark globalisierten Tourismussektors ist wegen des vergleichsweise großen Kohlenstoff-Fußabdrucks, der mit dem Tourismus verbunden ist, in die Kritik geraten (siehe Global Sustainable Tourism Dashboard, 2020). Was wird also geschehen, wenn sich die Menschen plötzlich dafür entscheiden, weniger weit zu reisen?

Ein von der Universität Breda entwickeltes Tourismus-Verkehrsmodell (Peeters & Eijgelaar, 2014) zeigt, dass es möglich sei, die Tourismusströme hypothetisch ohne nennenswerte Verluste pro Land auf näher gelegene Ziele (z.B. innerhalb von 3.000 km) umzuverteilen. Ausnahme ist eine kleine Anzahl abgelegener Gebiete und Inseln. Diese Länder werden sowohl in der gegenwärtigen Krise als auch in künftigen Klimawandel-Reaktionspaketen starke Unterstützung benötigen.

Einige Länder verfügen bereits über beträchtliche inländische Tourismusmärkte, und es ist wahrscheinlich, dass deren Marktanteil steigen wird, solange Reisebeschränkungen bestehen. In Neuseeland etwa könnte der derzeitige Verlust von 3,9 Millionen internationalen Ankünften in einem beträchtlichen Ausmaß durch diejenigen Neuseeländer, die nicht das Land verlassen können, zu einem großen Teil kompensiert werden (3,1 Millionen im Jahr 2019). Das oben erwähnte Modell würde für Neuseeland sogar zu einem Gewinn von etwa 1 % führen, wenn die Reiseentfernungen weltweit auf 3.000 km beschränkt würden. Dies basiert jedoch auf Daten aus dem Jahr 2005 und verkennt, dass Besucher aus einer Vielzahl von unterschiedlichen Gründen reisen, u.a. um andere Kulturen zu erleben, Freunde und Verwandte zu treffen oder neue Dinge zu lernen.

Das Volumen des Tourismusaufkommens in einem Reiseziel hängt demnach nur bedingt von der Existenz eines florierenden Fernreisemarktes ab. Tatsächlich zeigen die vorliegenden Daten, dass 78 % der weltweiten Reisen nicht mit dem Flugzeug durchgeführt werden. Zudem können insbesondere die Kurzstreckenflüge durch andere Verkehrsmittel ersetzt werden, z.B. durch die Bahn, die bereits vor dem Ausbruch der Covid-19-Krise substanzielle Zuwächse verzeichnen konnte.

Es ist jedoch wichtig, klimabedingte Veränderungen (z.B. in Europa die Verlagerung vom Flugzeug auf die Bahn) und Pandemie-Reaktionen (kürzere Reisedistanzen aufgrund von Beschränkungen oder Sicherheitsbedenken) nicht zu vermischen. Der Schienenverkehr zum Beispiel birgt auch Infektionsrisiken, und auch hierfür werden Sicherheitsvorkehrungen wie die Einhaltung sozialer Distanzierungsregeln gelten. Beide Effekte zusammen könnten zu einem Anstieg des Pkw-basierten Reiseverkehrs für kurze bis mittlere Entfernungen führen. Eine potenzielle Abneigung gegen Kreuzfahrtschiffreisen könnte diesen Trend noch verstärken, was bedeuten würde, dass einige Reiseziele ihren Schwerpunkt verlagern müssten, soweit sie dazu in der Lage sind.

Es liegt auf der Hand, dass Verlagerungen von Langstreckenreisen hin zu mehr lokalen Tourismusströmen erhebliche Auswirkungen auf die Transportanbieter haben. Für einige Anbieter wird die Erholung ein langwieriger Prozess sein – ohne Garantie, dass frühere Niveaus jemals wieder erreicht werden können. Einem erneuten ungebremsten Wachstum könnten etwa nicht-pandemische Faktoren entgegenstehen. Für den Luftfahrtsektor wären das etwa die Konsolidierung des Fluganbieter-Marktes (weniger Angebot), dessen Finanzlage, dessen Wahrnehmung durch die Öffentlichkeit (z.B. Sicherheitsempfinden oder Solidarität zur Unterstützung der heimischen Industrie) und dessen Kohlenstoffemissionen („Flugscham“). Ein Rückgang der weltweiten Touristenströme hat insofern auch ein beträchtliches Potenzial zur Verringerung des Kohlenstoff-Fußabdrucks des Tourismus, erfordert jedoch ein gewisses proaktives Management auf der Ebene der Reiseziele.

Die folgende Abbildung zeigt die Experteneinschätzung von ACTNetwork zur unterschiedlichen Dauer der Erholungsphase einzelner Branchen im Tourismus.

Grafik AT Network
Unterschiedliche Dauer der Erholungsphase einzelner Branchen im Tourismus (ACTNetwork)

 

Unterstützung der Industrie
Aktuell werden Unterstützungspakete der Regierung für die Reise- und Tourismusindustrie intensiv diskutiert. Das Verständnis zukünftiger Verbraucherpräferenzen und Veränderungen der globalen Reiseströme sind wesentliche Determinanten für die Entwicklung geeigneter staatlicher Pakete. Deren Ziel sollte es jedenfalls sein, die Kernelemente des Tourismussystems zu unterstützen, ohne dabei die Anfälligkeit für künftige Krisen zu subventionieren. Die Bewertung von Investitionen anhand von Parametern wie Anzahl der geschaffenen Arbeitsplätze oder Kohlenstoffemissionen pro Dollar/Euro Unterstützungspaket sind bei der Entscheidungsfindung von entscheidender Bedeutung. In den Gesprächen über die Auflagen von Rettungspaketen, etwa für Fluggesellschaften, stehen Modelle einer stärkeren Beteiligung und Einflussnahme der Regierung zur Diskussion. Dies würde dem Ansatz für den Schienenverkehr in vielen Ländern folgen, wonach das Schienennetz primär als „öffentliches Gut“ denn als vollständig kommerzielles Unternehmen gesehen wird.

Die Stimulierung der lokalen Wirtschaft hat mehrere Vorteile. Tourism Australia plant beispielsweise für Juni die Veröffentlichung einer Kampagne, die sich auf die Erkundung lokaler Attraktionen konzentriert. Das beginnt mit der Hervorhebung der Erlebnismöglichkeiten rund um Restaurants, Cafés und Aktivitäten in der Nähe des Wohnortes, gefolgt von regionalen, innerstaatlichen und zwischenstaatlichen Reisen. In einigen Fällen könnte dies sogar zu plötzlichem innerstaatlichen „Übertourismus“ führen.
Eine verstärkte Konzentration auf inländische Kampagnen ersetzt die traditionellen internationalen Marketingaktivitäten. Für einige lokale Tourismusanbieter bedeutet dies, dass sie ihre Produkte an einen neuen Kundenstamm anpassen müssen. Neue Marktforschung könnte notwendig sein, da viele Länder ihre Marketingbudgets hauptsächlich darauf ausgerichtet haben, internationale Besucher anzuziehen. Insgesamt dürfte die Erholung für lokale Unternehmen jedoch schneller erfolgen als für diejenigen, die auf den Transport von Menschen über große Entfernungen angewiesen sind (z.B. Fluggesellschaften, Flughäfen, Reisebüros) oder die einen weitgehend internationalen Kundenstamm haben (z.B. internationale Hotelketten). Eine verbesserte Zusammenarbeit zwischen lokalen Unternehmen würde wahrscheinlich die Industrie und ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber künftigen Krisen stärken.

Um sicherzustellen, dass lokale Attraktionen und öffentliche Parks offen und attraktiv bleiben, sollten diese durch staatliche Unterstützungspakete bevorzugt gefördert werden. Dies gilt insbesondere gegenüber jenen touristischen Komponenten, die ein höheres Risiko bergen, die Branche in nicht-nachhaltige Bahnen zu lenken. Öffentliche Kunstgalerien, Museen, Bibliotheken usw. bilden den Eckpfeiler der lokalen kulturellen Aktivitäten, sei es der Bildung oder der Unterhaltung. Ihr Überleben zu sichern ist für langfristig gesunde Gemeinden und einen florierenden Inlandstourismus unerlässlich. Diese lokalen Anbieter, ob öffentlich oder privat, könnten von Ressourcen profitieren, die zur Entwicklung von Fähigkeiten im Bereich des Erfahrungsdesigns, der Digitalisierung und des nachhaltigen Ressourcenmanagements beitragen.
Eine Verlagerung weg von Massentourismus und den Langstreckenmärkten hin nach innen, um für Einheimische und Touristen aus nahen Quellmärkten einen Mehrwert zu schaffen, könnte nicht nur die Lebensqualität für die betroffenen Einheimischen verbessern, sondern auch die Attraktivität für zukünftige qualitätsorientierte Touristen aus internationalen Quellmärkten erhöhen. Vielleicht sind die langfristigen Auswirkungen dieser Pandemie eine erfrischende Wertschätzung des lokalen und regionalen Lebensraums und eine größere Vorfreude auf weniger häufige, aber dafür sinnstiftende Fernreisen.

Das Autoren-Team: Das ACTNetwork („Action for Climate & Tourism“) ist eine globale Gruppe von Experten, die durch Zusammenarbeit einen positiven Beitrag zur Entwicklung von langfristigen Lösungen für einen kohlenstoffarmen und Klima-resistenten Tourismus beitragen und diese kommunizieren wollen (https://www.linkedin.com/company/actnetwork). Die Mitglieder sind Bijan Khazai, Susanne Becken, Harald A. Friedl, Daniel Scott, Daniel Nutz, Johanna Loehr, Anna Pollock, Robert Steiger, Emma Whittlesea, Debbie Hopkins und Paul Peeters.

Quellen:
Borko, S. (2018). 10 Years Later: How the Travel Industry Came Back From the Financial Crisis. Retrieved from https://skift.com/2018/09/14/10-years-later-how-the-travel-industry-came-back-from-the-financial-crisis/
Global Sustainable Tourism Dashboard (2020). Emissions. https://www.tourismdashboard.org/carbon-emissions/
Insider (2020). The Italian island of Sicily is offering to pay for half your flights and a third of your hotel costs if you visit later this year. https://www.insider.com/sicily-offers-pay-half-flight-costs-boost-tourism-coronavirus-italy-2020-4
Peeters, P. M., & Eijgelaar, E. (2014). Tourism's climate mitigation dilemma: flying between rich and poor countries. Tourism Management, 40, 15-26.
Tourism Research Australia (TRA) (2019). Tourism Satellite Account 2018/19. https://www.tra.gov.au/ArticleDocuments/185/Tourism%20Satellite%20Account%202018-19.pdf.aspx
WEF. (2015). The Travel & Tourism Competitiveness Report 2015. Growth through Shocks (ISBN-13: 978-92-95044-48-7). Geneva.

 


 

Tourismus – nachhaltig aus der Krise?!

Wie werden wir „nach Corona“ reisen? Wie wird die Tourismuswelt aussehen? Wird der Weg in Richtung Nachhaltigkeit im Sinne der Agenda 2030 der Vereinten Nationen gehen? Werden die 17 Ziele der „Agenda 2030 für eine nachhaltige Entwicklung der Welt“ unsere Leitlinien sein?

CORNELIA KÜHHAS, Expertin für Nachhaltige Tourismusentwicklung und Entwicklungszusammenarbeit bei respect_NFI, & HARALD A. FRIEDL, Professor für Nachhaltigkeit und Ethik im Tourismus am Institut für Gesundheits- und Tourismusmanagement der FH JOANNEUM Bad Gleichenberg, wagen in ihrem Diskurs einen Blick in die Zukunft – und zeichnen durchaus kontroverse Szenarien ...

Foto: Lisa Schopper
Foto: Lisa Schopper


Kühhas: „Corona zeigt, wie stark uns eine globale Krise als Weltgemeinschaft treffen kann. Wir bekommen aber auch eine Vorstellung davon, was der Klimawandel als globale Krise in den nächsten Jahrzehnten zerstören könnte. Das sollte uns wachrütteln!“, so Patricia Espinosa, die Generalsekretärin der UNO-Klimarahmenkonvention in einem Interview mit dem deutschen Magazin „Der Spiegel“, zitiert in https://orf.at/stories/3161302/. Ich schließe mich Frau Espinosa an, denn ich denke auch, dass die Corona-Pandemie tatsächlich ein Weckruf auch für die Tourismusindustrie sein muss. Die Krise führt uns ja deutlich die negativen Auswirkungen – und damit auch die Grenzen – der sich in den letzten Jahren rasant entwickelnden Tourismuswirtschaft und unseres Reiseverhaltens vor Augen.

Friedl: Das wäre wünschenswert, halte ich jedoch für äußerst unwahrscheinlich. Denn schon unter normalen Bedingungen ist die Neigung zu strategischem Denken, jener vorübergehende Ausstieg aus dem Hamsterrad, um – frei nach der chinesischen Devise „Wenn Du in Eile bist, gehe langsam“ – über Sinn und Zweck einer eingeschlagenen Richtung nachzudenken, äußerst spärlich vorhanden.

Foto: Harald A. Friedl
Foto: Harald A. Friedl

Dies gilt im österreichischen Tourismus besonders aufgrund unserer strukturellen Prägung durch die zahlreichen KMU. Unter Stress jedoch ist die Neigung zu selbstkritischer Reflexion noch geringer. Diese Krise verursacht gerade für die KMU massiven Stress in Form von existenziellen Bedrohungen. Dass gerade jetzt diese UnternehmerInnen reihenweise mit selbstkritischen Reflexionen beginnen, um aus der Krise eine Chance zu machen, wäre zwar höchst wünschenswert, doch die tief eingegrabenen Muster des Vertrauten und Gewohnten sowie der Blick auf historische Erfahrungen sprechen dagegen. Das Hauptproblem: Corona wird als schmerzhafter Feind betrachtet, gegen den es sich zu wappnen gilt. Corona ist zwar klein und unsichtbar, aber doch irgendwie „personalisierbar“. Doch Corona – eine konkret erfahrbare Epidemie – ist kein Klimawandel, der langsam, unsichtbar und permanent stattfindet, und das Schlimmste daran: Das Klima erwärmt sich weiter sogar während des globalen Corona-Lock-downs, weil die Emissionen sehr langfristig wirken …

Kühhas: Und gerade weil der Großteil der Unternehmen nicht „geläutert“ aus der Krise hervorgehen wird, müssen endlich politische und gesetzliche Rahmenbedingungen für die (Tourismus-)Wirtschaft geschaffen werden, die die Richtung für eine nachhaltige Entwicklung der Tourismuswirtschaft bzw. der Umsetzung der Agenda 2030 insgesamt vorgeben. In der Corona-Krise haben wir gesehen, dass – wenn eine aktuelle Bedrohung besteht – der Staat schnell reagieren und agieren kann und muss, um dieses Problem in den Griff zu bekommen, „der Markt“ wird es nicht regeln können. Die Pandemie zeigt uns wie ein Vergrößerungsglas die „Schwachstellen“ unseres Wirtschaftssystems und der Globalisierung auf – wie schnell sich das Virus aufgrund unserer Mobilität und des Tourismus auf der ganzen Welt verbreitet hat. Nun ist unser Bewegungsradius allerdings sehr eingeschränkt, und das dürfte noch eine Zeitlang so sein. Ich denke aber, dass dieses Innehalten(-Müssen) und die Entschleunigung, die damit einhergeht, dazu führen, dass das Reisen(-Dürfen) eine neue Wertschätzung erfährt,  dass Reisen etwas „wert“ ist und kein alltägliches Konsumprodukt, das möglichst billig und ständig verfügbar sein muss ...

Foto: Harald A. Friedl
Foto: Harald A. Friedl

Friedl: Du hast absolut Recht. Das wäre wünschenswert! Und dazu könnten Unternehmen das Ihre beitragen, indem sie ihre Produkte entsprechend innovativ weiterentwickeln. Ich kenne tatsächlich KMU, die die aktuelle Zeit nutzen, um ihre Infrastruktur im Rahmen des Möglichen zu renovieren, zu verschönern, sich besser aufzustellen. Doch deren Hauptmotiv liegt darin, wie sie nach der Krise möglichst rasch wieder möglichst effektiv Geld durch Tourismus verdienen können. Solch wirtschaftliches Denken ist grundsätzlich unverzichtbar, aber eben nicht genug. Warum ist das so? Das neurobiologische Kernproblem, das sehr oft ignoriert wird: Man kann das Nicht-Gedachte nicht denken! Womit sich Menschen noch niemals beschäftigt haben, ist als Denkmöglichkeit in den Gehirnen (noch) nicht angelegt. Wenn wir uns nun die tourismussystem-erhaltenden Ausbildungssysteme anschauen, dann finden sich dort bislang Themen wie Nachhaltigkeit und Klimaerwärmung immer nur – im besten Fall – als Freigegenstand. Und wenn von Nachhaltigkeit die Rede ist, so wird auch in der Fachliteratur überwiegend von „nachhaltigem Wachstum“ gesprochen. Das sind tief eingegrabene Muster an Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsweisen. Tourismussoziologisches Verhalten agiert im Prinzip nicht anders: Es passte sich den immer vielfältigeren Möglichkeiten an, die sich zudem auf immer größere soziale Schichten ausweiteten. Dadurch entstand eine neue Selbstverständlichkeit, jene Kultur der Mobilität. Nicht umsonst bezeichne ich Tourismus bewusst als „Geschäft mit mobilem Konsum“. Doch anstatt über Grenzen des (raschen) kulturellen Wandels zu jammern, sind wir ForscherInnen gefordert, auf die Bedingungen des Wandels zu blicken: Wir haben an der Corona-Kultur „schön“ gesehen, wie rasch sich die Menschen aus Angst vor Krankheit und Sanktionen angepasst haben. Wie wünschenswert diese Motivation war, sei dahingestellt. Doch zeigt dies deutlich, dass ohne determinierende Rahmenbedingungen, somit ohne einschneidende Gesetze, nach dem Wegfall der Einschränkungen alte Muster aufflammen werden, die noch dazu Glücksgefühle versprechen. Was folgt daraus? Ich versuche es zunächst mal mit Thesen: Der Staat muss Rahmenbedingungen setzen, die
-    klimafreundlichen Urlaub attraktiver und erschwinglicher macht, während klimabelastende Urlaubsformen verteuert werden, wie Subventionen von klimaschonenden Investments, öffentlichen Verkehrsmitteln, Trainings und Zertifizierungen für das Umweltzeichen, oder die jüngste Idee, stark subventionierte Gutscheine für Urlaub in Österreich (https://www.derstandard.at/story/2000117325014/regierung-erwaegt-geschenkten-oesterreich-urlaub-fuer-helden-der-krise)
-    den symbolischen Wert von regionalem Urlaub steigern. Hier wäre eine enge Verbindung mit Schulen ein Weg: fort vom klassischen Schikurs hin zu neuen Formen der naturnahen Erlebnis- und Bewegungs-Schulwoche …

Foto: Cornelia Kühhas
Foto: Cornelia Kühhas

Kühhas: ... das wäre sicher eine gute Sache, um gerade bei den Kindern und Jugendlichen die Lust an nachhaltigem Urlaub zu wecken. Generell zu sagen „Macht nur mehr Urlaub in der Region“ kann aber auch keine Lösung sein. Denn der Tourismus ist in vielen Regionen der Welt ein wichtiges wirtschaftliches Standbein und kann auch aus entwicklungspolitischer Sicht in Ländern des Globalen Südens einen Beitrag leisten, um Wohlstand und die Lebensqualität zu steigern und zur sozialen Gerechtigkeit beizutragen – sofern er ökologisch, wirtschaftlich und sozial nachträglich entwickelt wird. Abgesehen davon, dass Reisen auch den Horizont erweitert und im Idealfall eine sinnstiftende Erfahrung für Reisende und Bereiste ist ...
Es geht also auch um die Entwicklung der Destinationen – hier bei uns in Österreich und weltweit. Besonders von der Krise wirtschaftlich „gebeutelt“ sind Regionen, die fast gänzlich vom Tourismus leben und damit von ihm abhängig sind. Wichtig für eine nachhaltige und damit auch krisensicherere Ausrichtung ist, dass es mehrere Standbeine gibt, dass die Akteure und Wirtschaftszweige in der Region vernetzt sind, dass auf lokale Beschaffung gesetzt wird und die Wertschöpfung vor Ort stattfindet. So können lokale Märkte gestärkt und krisensicherer werden. Auch hier könnte mit staatlichen Vorgaben gelenkt werden. Und schließlich geht es auch darum, welche Unternehmen die Krise überleben werden – hier ist die Förderpolitik der Staaten gefordert – und welche Angebote es letztendlich am touristischen Markt geben wird; es muss Kostenwahrheit geben, dass also die negativen ökologischen und sozialen Auswirkungen eingepreist werden, Stichwort: Besteuerung von Kerosin, wie du schon erwähnt hast. Es muss über eine starke Beschränkung oder ein Verbot von Kurzstreckenflügen gesprochen werden, und über den raschen und effizienten Ausbau der Bahnverbindungen ...
In den letzten Wochen ist von staatlicher Seite viel Geld geflossen, um die Wirtschaft zu unterstützen. Diese Überbrückungshilfen sind wichtig, doch die Zahlungen dürfen nicht nach dem Gießkannenprinzip erfolgen, sondern müssen zielgerichtet sein; es braucht klare Leitlinien, dass die Geldmittel auch im Sinn einer ökologisch und sozial nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung eingesetzt werden, die bereits gesetzten Klimaschutzziele unterstützen und sie nicht konterkarieren.
Aktuell schreien ja die Fluggesellschaften nach einer staatlichen Finanzspritze. Das finde ich geradezu dreist – schließlich hat die Branche jahrelang u.a. von der fehlenden Steuer auf Kerosin profitiert und wenig Ambitionen zum Klimaschutz gezeigt. Hier unterstütze ich die Forderungen der Petition der Plattform Stay-Grounded: Steuergelder für die Rettung von Fluggesellschaften müssen an Bedingungen geknüpft werden, nämlich daran, dass der Klimaschutz und die MitarbeiterInnen im Mittelpunkt stehen! (https://stay-grounded.org/savepeoplenotplanes/)

Friedl: Frechheit siegt. Dreistigkeit ist das Erfolgsprinzip hinter dem Slogan „Too big to fail…“. Hier werden Wirklichkeiten durch ihre schlichte Behauptung geschaffen. Zudem wird das alte Totschlagargument der Arbeitsplätze zelebriert. Wie perfide dieses Argument ist, zeigte sich bereits vor 40 Jahren angesichts der Noricum-Krise, als die VÖEST Kanonen an einen kriegführenden Staat lieferte. Kreisky ließ gewähren mit dem Hinweis, sich nicht erwischen zu lassen … Heute „gilt“ Flugverkehr als „unverzichtbar“ für die als Wirtschaftswachstums-Garant apostrophierte Globalisierung, die zugleich wieder zum Ermöglicher der Corona-Krise wurde.
Fazit: Wie schon immer in der Politik, arbeiten Lobbyisten für die Durchsetzung von einzelnen, aber starken Interessen. Nun liegt es an den Lobbyisten einer zukunftsfähigen, klimaschützenden Tourismusentwicklung, dafür zu kämpfen, nicht „more of the same“ zuzulassen und entsprechende Rahmenbedingungen einzufordern. Bitte, Friday-for-Future-Anhänger, geht wieder auf die Straße. Jetzt ist Eure Zeit, jetzt ist Euer Einsatz gefragt, jetzt kann er etwas bewirken!

Foto: Harald A. Friedl
Foto: Harald A. Friedl

Kühhas: Das kann ich nur unterstützen! Wir dürfen neben dem Klimaschutz aber auch die sozialen Fragen nicht vergessen. In der Krise haben wir alle erlebt, wie wichtig die Menschen hinter den Kulissen sind – die so genannten „Systemerhalter“, im Lebensmittelhandel, bei der Müllabfuhr, im medizinischen Bereich. Das gilt ja auch für den touristischen Bereich. Hier arbeiten viele Menschen im Hintergrund, aber oft unter prekären Bedingungen. Ich erwarte mir hier von der Tourismuswirtschaft und der Politik, dass soziale Gerechtigkeit, faire Arbeitsbedingungen und die Achtung der Menschenrechte gerade jetzt und nach der Krise wieder stärker im Blick sind. Die Wochen im erzwungenen Homeoffice haben aber auch gezeigt, dass sich über das Internet ganz gut konferieren und besprechen lässt. Das lässt hoffen, dass in Zukunft verstärkt auf Videomeetings gesetzt wird und man nicht wieder schnell mal nach Brüssel fliegt für eine zweistündige Besprechung. Viele Kurzstreckenflüge könnten so vermieden werden, was letztlich ja für die Firmen auch günstiger käme.

Friedl: Videokonferenzen haben einige grundlegende Vorteile, insb. die Ersparnis von Zeit- und Reisekosten; vor allem sind Langstreckenflüge alles andere als lustig (in der Economy-Klasse). Doch zeigen sich insbesondere dort, wo hoher Kontextualisierungsbedarf besteht und somit ein hoher Bedarf an der Herstellung von gemeinsamen Vorstellungen, die Schwächen von großen Videokonferenzen. Dort neigen erfahrungsgemäß die zahlreichen TeilnehmerInnen dazu, entweder durcheinanderzusprechen oder vor sich hinzuschweigen. Vor allen sind derartige Konferenzen geistig extrem anstrengend. Sie sind ein bisschen wie Demokratie, definiert nach Churchill: somit eine schlechte Lösung für globale Kommunikation, aber es gibt keine umweltfreundlichere. Allerdings kann es auch sein, dass wir einfach erst lernen müssen damit gut = gelassen und effektiv mit digitalen Kommunikationsmedien umzugehen. Viele Menschen haben bis heute noch nicht begriffen, wie man E-Mails sinnvoll einsetzen kann – und wo sie überhaupt nicht „funktionieren“… Allerdings können viele Menschen auch heute noch nicht Face-to-Face konstruktiv streiten. Letztlich darf auch der Faktor Spaß bei digitaler Kommunikation keineswegs zu kurz kommen, sonst verpufft die Motivation. Ich für meinen Teil bin dank der Krise erstmals wieder mit entfernt lebenden Freunden zum abendlichen virtuellen Bier zusammengekommen, Corona sei Dank … denn auch ich lerne dazu.

Foto: Harald A. Friedl
TouristInnen sitzen mit Tuareg am Lagerfeuer (Foto: Harald A. Friedl)

Kühhas: ... wie wir alle! Und ja, alles lässt sich nicht über Video machen und der persönliche Austausch von Angesicht zu Angesicht ist sehr wichtig. Ich muss aus persönlicher Erfahrung sagen, dass sich bei mir auch manchmal das „Zoom-Fatigue“-Syndrom (ja, dafür wurde schon ein Wort erfunden!) einstellt, Besprechungen per Video brauchen mitunter viel Energie ...

Friedl: … ganz abgesehen vom den enormen Energieverbrauch der Server, die all die digitalen Netzwerke am Laufen halten. Gerade darin liegt eigentlich die größte, zuweilen recht frustrierende Herausforderung einer nachhaltigen Entwicklung: Kaum meint man eine neue technische Lösung entwickelt und verbreitet zu haben, Peng! Schon machen sich die unerwünschten Bumerang-Effekte bemerkbar. Darüber aber lästern wir in unserem nächsten Streitgespräch …